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GRENZEN SETZEN LERNEN

Von Kimberley Pommer (Wirtschaftspsychologin M.Sc., systemischer Coach (DGSF) & Life Trust Coach

Du weißt, wo deine Grenze ist

Du spürst sie sogar körperlich, dieses Zusammenziehen im Bauch, eine halbe Sekunde bevor du „Ja, klar, mach ich" sagst.

Das Problem ist also nicht, dass du deine Grenzen nicht kennst. Das Problem ist, dass du sie nicht hältst.

Und das liegt nicht an fehlender Technik. Es liegt daran, dass eine Grenze zu ziehen sich für dich nicht nach Selbstachtung anfühlt, sondern nach Gefahr.

Auf dieser Seite geht es darum, was eine Grenze wirklich ist, warum die Schuldgefühle danach dazugehören, und wie du lernst, sie auszuhalten, statt sofort wieder einzuknicken.

Was eine Grenze wirklich ist

Die meisten Frauen denken, eine Grenze sei eine Forderung an andere. Du darfst mich nicht mehr so behandeln. Du musst aufhören, mich abends anzurufen.

Das ist der Grund, warum es sich so schwer anfühlt. Denn wenn eine Grenze eine Forderung ist, dann brauchst du die Zustimmung des anderen. Und die bekommst du nicht immer.

Eine Grenze ist etwas anderes:

Eine Grenze sagt nicht, was der andere zu tun hat. Sie sagt, was du tust.

Ich gehe um zehn. Ich nehme diese Schicht nicht. Ich rede nicht weiter, wenn du so mit mir sprichst.

Das ist der ganze Unterschied. Eine Forderung liegt in fremder Hand. Eine Grenze liegt in deiner.

Stell dir dein Leben als Haus vor. Eine Grenze ist nicht der Zaun, den du dem Nachbarn hinstellst. Sie ist die Wand deines eigenen Hauses, und die Tür, die nur du öffnest.

Woran du merkst, dass deine Grenzen fehlen

Vielleicht kennst du das:

  • Du spürst die Grenze und sagst trotzdem Ja, oft noch bevor der Satz zu Ende gesprochen ist

  • Du erklärst und rechtfertigst dich lang und breit, statt einfach Nein zu sagen

  • Du sagst ab und schiebst sofort einen Grund hinterher, der besser klingt als die Wahrheit

  • Nach dem Nein geht es dir schlechter, nicht besser. Du grübelst stundenlang, ob du zu hart warst

  • Du ziehst Grenzen nur, wenn du schon völlig am Ende bist, und dann zu laut

  • Du bist wochenlang innerlich wütend auf jemanden, der gar nicht weiß, dass etwas nicht stimmt

  • Du sagst Ja zu Dingen, um die dich niemand direkt gebeten hat

 

Der letzte Punkt ist der verräterischste. Du erfüllst Erwartungen, die nie ausgesprochen wurden, weil du gelernt hast, sie vorherzusehen.

Warum du deine Grenzen nicht ziehst

Weil dein System glaubt, dass du dann allein bist

Als Kind hast du gelernt, dass Verbindung Bedingungen hat. Wenn du pflegeleicht warst, war es ruhig. Wenn du widersprochen hast, wurde es kalt, laut oder still.

Dein Nervensystem hat daraus eine Gleichung gebaut: Grenze bedeutet Verlust.

 

Es hat nie erfahren, dass jemand bleibt, obwohl du Nein gesagt hast. Deshalb schlägt es Alarm, bevor du überhaupt denken kannst, und du glättest die Situation, bevor sie eskaliert.

Das ist kein Charakterfehler. Es ist ein alter Schutz, der noch nicht weiß, dass du erwachsen bist.

Weil du Schuldgefühle für ein Stoppschild hältst

Hier liegt der wichtigste Denkfehler.

 

Du ziehst eine Grenze, spürst danach Schuld, und schließt daraus, dass du etwas falsch gemacht hast. Also nimmst du es zurück, entschuldigst dich, machst es doch.

Aber das Schuldgefühl ist kein Beweis. Es ist eine Gewohnheit.

Dein System hat jahrzehntelang gelernt: Wenn ich an mich denke, ist das falsch. Also meldet es sich, sobald du an dich denkst. Es meldet sich auch dann, wenn deine Grenze völlig angemessen war.

Das heißt: Am Anfang wird sich fast jede gesunde Grenze falsch anfühlen. Nicht weil sie falsch ist, sondern weil sie neu ist.

Weil du Harmonie mit Frieden verwechselst

Du gibst nach, es ist wieder ruhig, und du nennst das Harmonie.

Aber es ist keine Harmonie. Es ist ein Waffenstillstand, den du bezahlst. Der Konflikt ist nicht weg. Er ist nur nach innen gewandert, wo ihn niemand sieht außer dir.

Warum Formulierungstipps allein nicht reichen

Es gibt unzählige Listen mit Sätzen zum Nein-Sagen. Du kennst sie wahrscheinlich. Und vielleicht hast du sogar einen davon gesagt, einmal.

Das Problem ist nicht der Satz. Das Problem ist die Sekunde danach.

Die Stille. Der Gesichtsausdruck. Das „Okay …" in diesem bestimmten Ton. In dieser Sekunde entscheidet sich alles, und in dieser Sekunde ist dein Körper im Alarm, nicht dein Kopf.

Grenzen setzen lernst du nicht über den Satz. Du lernst es über das Aushalten dessen, was danach kommt.

Deshalb funktioniert es auch nicht, sich das fest vorzunehmen. Du brauchst keine bessere Formulierung. Du brauchst die wiederholte Erfahrung, dass du eine Grenze ziehst und trotzdem nicht allein bleibst.

Wie du Grenzen setzen lernst

1. Zuerst spüren, nicht sprechen

Bevor du eine Grenze aussprechen kannst, musst du sie bemerken, und zwar rechtzeitig, nicht drei Tage später.

Üb eine Woche lang nur das eine: Wann zieht sich in dir etwas zusammen? In welchem Gespräch, bei welchem Menschen, bei welcher Bitte?

Du musst noch nichts sagen. Nur merken. Dein Körper weiß es früher als dein Kopf.

2. Zeit kaufen statt sofort antworten

Dein Ja kommt automatisch. Also brich den Automatismus, nicht mit einem Nein, sondern mit einer Pause.

„Ich schau kurz und sag dir heute Abend Bescheid."

Das ist der Trainingssatz. Er fühlt sich noch nicht bedrohlich an, gibt dir aber den Raum, in dem du überhaupt spüren kannst, was du willst.

3. Klein anfangen, nicht beim Schwersten

Die meisten scheitern, weil sie mit der Mutter anfangen. Oder mit dem Partner. Also mit genau der Beziehung, in der das Muster entstanden ist.

Fang woanders an. Bei der Kollegin. Beim Paketboten. Bei der Freundin, bei der du dir ziemlich sicher bist.

Dein Nervensystem braucht Erfolge, bevor es Risiko aushält.

4. Kurz bleiben und nicht verhandeln

Je länger deine Begründung, desto mehr Angriffsfläche. Und desto klarer signalisierst du: Ich bin mir selbst nicht sicher.

Ein Nein braucht keine Rechtfertigung. Ein Satz reicht. Höchstens zwei.

5. Das Schuldgefühl mitnehmen, statt darauf zu hören

Das ist der eigentliche Schritt.

Du wirst dich schuldig fühlen. Erwarte es. Und dann nimm es mit, wie man ein unruhiges Kind an der Hand mitnimmt, ohne es zu bekämpfen und ohne es entscheiden zu lassen.

Jedes Mal, wenn du eine Grenze hältst und die Welt nicht untergeht, lernt dein Körper etwas Neues. Nicht durch Einsicht. Durch Erfahrung.

6. Die Wurzel anschauen

All das oben wirkt, aber es wirkt begrenzt, solange die alte Gleichung Grenze bedeutet Verlust unberührt bleibt.

Wer hat dir beigebracht, dass du nicht widersprechen darfst? Wessen Stimmung hast du als Kind reguliert? Welche Situation fällt dir ein, wenn du an dein erstes verschlucktes Nein denkst?

Dort sitzt der Kern. Und dort verändert sich am meisten.

Was passiert, wenn andere schlecht reagieren

Manche werden enttäuscht sein. Manche werden es dir vorwerfen. Und ja, einzelne werden gehen.

Das ist der Teil, vor dem du am meisten Angst hast, und ich will ihn nicht schönreden.

Aber schau genau hin, wer schlecht reagiert. Menschen, die dich mit deinen Grenzen nicht wollen, wollten nicht dich. Sie wollten deine Verfügbarkeit.

Was nach einer Weile passiert, überrascht die meisten Frauen: Die Beziehungen werden nicht weniger. Sie werden echter. Weil zum ersten Mal jemand da ist, den man wirklich kennt.

Dein Wert steht nicht zur Verhandlung. Er hängt nicht daran, wie verfügbar du bist.

 

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Häufige Fragen zu Grenzen

Warum fühle ich mich schuldig, wenn ich Grenzen setze?

Weil dein System gelernt hat, dass Selbstfürsorge egoistisch ist. Das Schuldgefühl ist eine Gewohnheit, kein Urteil über deine Grenze. Es taucht auch bei völlig angemessenen Grenzen auf und wird mit jeder gehaltenen Grenze leiser.

Wie setze ich Grenzen, ohne jemanden zu verletzen?

Gar nicht immer, und das ist in Ordnung. Enttäuschung ist keine Verletzung. Du kannst freundlich und klar zugleich sein, aber du kannst nicht kontrollieren, wie jemand deine Grenze aufnimmt. Das ist nicht deine Aufgabe.

Was ist der Unterschied zwischen einer Grenze und einem Ultimatum?

Ein Ultimatum sagt, was der andere tun muss. Eine Grenze sagt, was du tust. „Du musst aufhören zu schreien" ist ein Ultimatum. „Ich gehe raus, wenn geschrien wird" ist eine Grenze, und die kannst du allein einhalten.

Wie setze ich Grenzen bei meiner Familie?

Das ist meistens das Schwerste, weil dort das Muster entstanden ist. Fang nicht dort an. Üb erst in Beziehungen mit weniger Gewicht, bis dein Nervensystem die Erfahrung gesammelt hat, dass Grenzen überlebbar sind.

Kann man Grenzen setzen lernen, wenn man es nie gelernt hat?

Ja. Es ist eine erlernte Fähigkeit, keine Charaktereigenschaft. Aber es geht nicht über Vorsätze, sondern über wiederholte Erfahrung, und meistens schneller in Begleitung, weil das Muster in Beziehung entstanden ist und sich in Beziehung löst.

 

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Ich freue mich von dir zu hören!

Kimberley

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  •  Kimberley Pommer ist Wirtschaftspsychologin mit tiefenpsychologischen Schwerpunkt (M.Sc.), systemischer Coach (DGSF) & Life Trust Coach (nach EASC Richtlinien)

  • 7 Jahre Erfahrung in Life & Business Coaching (z.B. AboutYou, Siemens, Bijou Brigitte, HelloFresh) sowie Heilungsarbeit

 

  • Über 60+ 1:1 Klientinnen & 2000+ in Workshops begleitet

 

  • The Liberated Woman Framework entwickelt - von der ängstlichen People Pleaserin zur Frau mit Selbstwert

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Über die Autorin

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